Robert Thill-Heusbourg: “Wir sind auf einem sehr rutschigen Abhang unterwegs”

Debatte um Sterbehilfe (Interview 2.7.2026)

Wirtschaftliche Fehlanreize im Gesundheitssystem könnten den Druck auf schwache
Menschen in puncto Euthanasie erhöhen, warnt der Neurologe und Palliativmediziner.

Die Diskussion um Euthanasie und Palliativmedizin in Luxemburg lebte vor Kurzem nach
einer von der LSAP-Fraktion beantragten Aktualitätsstunde in der Chamber am 30. April
auf.


In einem Brief an die Redaktion fordert Dr. Robert Thill-Heusbourg unter anderem eine
bessere Kommunikation zwischen Befürwortern und Gegnern der Sterbehilfe. Er warnt vor
einer Verschiebung der Grenzen von Euthanasie.

Deshalb bat das „Luxemburger Wort“ den Neurologen und Palliativmediziner um ein Interview.

Das Mitgründungsmitglied einer Bürgerinitiative gegen Euthanasie spricht darin über den
unschätzbaren Wert von Zeit am Lebensende, über eine Wirtschaftlichkeit des Sterbens
und die Frage, wessen Wille bei fortschreitender Demenz wirklich zählt.

Robert Thill-Heusbourg, was sagen Sie Menschen, die den Wunsch haben zu sterben?


Ich habe in meinem Berufsleben eigentlich nur Menschen erlebt, die friedlich sterben
wollten. Das heißt, sie hatten Angst oder sie hatten Schmerzen. Ich habe lange auf
Palliativstationen gearbeitet und erlebte dort keinen Fall, wo wir die Angst und den
Schmerz nicht nehmen konnten. Die Familie hat oft gelitten, mehr als der Patient.
Manchmal hat auch das Pflegepersonal gelitten, auch mehr als der Patient. Und manchmal
haben dann die Patienten gelitten, weil sie nicht wollten, dass ihre Familie so viel Zeit bei
ihnen verbringen musste.


Ihre Erfahrungen führten dann dazu, dass Sie die Bürgerinitiative gegen Euthanasie und
für Palliativmedizin im Jahre 2008 mit gründeten?


Ja, genau. Am Anfang haben wir alle gedacht, wir müssten nur bessere Ärzte werden, und
dann würde sich das Thema Euthanasie von selbst erledigen. Denn wer will denn schon
Schmerzen haben? Wer will Angst haben? Niemand. Und doch: Obwohl sich mit der Zeit viel
änderte und verbesserte, auch in der Ausbildung der Allgemeinmediziner zum Beispiel, ist
der Wunsch nach Euthanasie immer stärker geworden. Und wir stellten allmählich fest,
dass es um etwas anderes geht: um Autonomie.


Sie schreiben in Ihrem Brief an die Redaktion, die Grenzen der Sterbehilfe hätten sich
verschoben. Was meinen Sie?


Die Grenzen wurden in den Niederlanden und Belgien, die schon lange vor Luxemburg über
entsprechende Gesetze verfügten, nicht bewacht, sondern ständig verschoben, ohne dass
die Gesetzestexte daran angepasst wurden. Zum Beispiel, was die Indikationen angeht. In
Luxemburg haben wir das Problem mit den Grenzen bisher nicht, obwohl immer mehr
Menschen Euthanasie wünschen.

Sie führen in Ihrem Brief an, dass es eine bessere Kommunikation zwischen Befürwortern
und Gegnern von Euthanasie geben müsste. Demzufolge müssten Sie einen
Bürgerkonvent, wie er in Frankreich stattfand, begrüßen.


Wir wissen ja, was dabei herauskommen würde, oder? In Frankreich waren 75 Prozent für
Euthanasie. Fast 50 Prozent sprachen sich auch für die Euthanasie von Jugendlichen aus.
40 Prozent wünschten sich eine Aufhebung der Indikationen. Diese Resultate kann man
vermutlich auf Luxemburg übertragen. Es würde mich wundern, wenn es nicht so wäre. Es
wundert mich ja jetzt schon, dass der Anteil der Euthanasie an den Sterbefällen insgesamt
so gering ist: circa 0,8 Prozent im Vergleich zu circa sechs Prozent in den Niederlanden und
vier Prozent in Belgien.


Doch auch wenn es „nur“ 0,8 Prozent sind: Mir tut es um jeden einzelnen Fall leid, weil er
möglicherweise bedeutet, dass die begleitende Medizin schlecht war. Es gibt nach wie vor
schlecht ausgebildete Ärzte. Und es gibt Ärzte, die keine Zeit haben. Es gibt aber auch
Familien, die keine Zeit haben. Darüber hinaus stehen wir vor einem Paradigmenwechsel,
indem wir sagen, dass Würde nur dann existiert, wenn man den Moment des Sterbens
selbst bestimmen kann.

Was verstehen Sie denn unter Würde?


Zweierlei. Zum einen gibt es die allgemeine Würde, die jeder hat, Sie und ich, egal, woran
Sie glauben. Die Würde, die wir Christen als gottgegeben bezeichnen und die weder
zugesprochen noch weggenommen wird, sondern die einfach da ist. Jeder kommt damit
zur Welt. Und dann gibt es die Würde als Gestaltungskraft, über die wir verfügen, die
besonders in calvinistischen Ländern unterstrichen wird. Und gemäß dieser Auffassung
nimmt diese spezifische Würde ab, wenn die eigene Leistungsfähigkeit sinkt.


Deswegen arbeiten wir auf unseren Palliativstationen auch mit der sogenannten „Dignity
Therapy“. In langen Gesprächen arbeiten wir mit den Patienten, die von sich sagen, dass
sie nichts mehr wert sind, ihr Leben auf. Wir sagen ihnen: Schau mal, was du alles gemacht
hast. Aber dafür muss man sich Zeit nehmen. Zeit steht über allem. Ohne Zeit sagen Sie den
Menschen: Bitte geh, und bitte geh schnell.

Die ADR-Abgeordnete Alexandra Schoos sagte in der Aktualitätsstunde in der Chamber
am 30. April, sie wünsche sich, dass Palliativmedizin stets prioritär herangezogen wird.
Schließen Sie sich Ihrer Parteikollegin an?

Ich bin Neurologe, da schaut man ganz anders auf Palliativmedizin. Neurologen denken
nicht wie Chirurgen in Stunden oder Wochen, sondern sie denken in ganz langen
Zeiträumen, weil viele der Krankheiten ihrer Patienten chronisch sind, also nicht geheilt
werden können. Ich war ab 2014 Mitglied der Direktion des Hôpital du Nord in Ettelbrück,
und ganz am Schluss sechs Monate lang medizinischer Direktor.


Das heißt, ich befand mich in der anfangs für mich absurden Situation, auf einmal rechtlich
dafür verantwortlich zu sein, dass in dem Haus sehr schwierige bioethische Fragen
natürlich so ablaufen mussten, wie das Gesetz es vorschreibt, egal ob es sich um
Euthanasie oder Abtreibung handelt. Und dass ich dafür Sorge trage, dass es gut abläuft.
Und das habe ich auch getan. Es wäre mir nie eingefallen, irgendjemandem Steine in den
Weg zu legen. Mein Credo lautete jedoch immer, dass niemand Euthanasie wünschen soll,
weil er schlecht behandelt wird oder weil der Arzt keine Zeit hat. Das war mein
Hauptanliegen.

Sie stimmen Alexandra Schoos also zu?


Ich fand die Rede von ihr sehr gut, aber wir erreichen nicht alle Menschen mit
Palliativmedizin. Es gibt Menschen, die sagen einfach: Ich will jetzt sterben. Und für die ist
es wichtig, dass sie in diesem Moment sterben können, weil für sie der Zeitpunkt genau
dann gekommen ist. Palliativmedizin bedeutet nicht nur ein „Mehr“ an Zeit, sondern auch
an Kosten. Euthanasie ist konkurrenzlos billig. Die Kosten für Euthanasie inklusive der
letzten Konsultation des Arztes betragen in Luxemburg ungefähr 100 Euro. Wenn wir nun
bedenken, dass wir in einer Zeit leben, in der allerorten Budgets gekürzt werden …

Wird es in Ihren Augen irgendwann nicht mehr wirtschaftlich sein, Patienten über längere Zeit auf einer Palliativstation zu betreuen?

In Kanada und in Kalifornien wird genau das schon ganz klar ausgesprochen. Dort heißt es:
Warum noch eine Chemotherapie anberaumen, die kostet viele Tausend Dollar. Das andere
ist billiger. Auch Belgien und Frankreich haben die Kosten schon mal ausgerechnet und
veröffentlicht.


Aber in Luxemburg ist das noch nicht der Fall …


Nein, aber es gibt Menschen, die verstehen die Zeichen der Zeit sehr gut. Wenn sie sehen,
dass Frau Müller früher gegangen ist, ihrer Familie das erspart hat … Das übt enormen
Druck auf Patienten aus.

Müsste mehr darüber debattiert werden?


Hierzulande kommt die Beschäftigung mit dem Thema einem Kulturkampf gleich. Das
habe ich so weder in Österreich noch in Deutschland erlebt. Dort kann man überall auf
einem sehr hohen Niveau mit Befürwortern und Gegnern von Euthanasie reden. Ich bin
heute auch dafür, dass es ein Euthanasiegesetz gibt – eben, weil es dem Willen einer
Mehrheit des nicht mehr religiös gebundenen Volkes entspricht. Das ist das Wesen der
Demokratie, nur kann ethisches Verhalten nicht an der Wahlurne gemessen werden. Ich
kann es nicht anders sagen, denn wir müssen auf diese Weise eine Verständigung über ein
„minimum morale“ in einer säkularisierten Gesellschaft erreichen.


Ich kann keinem meine Vorstellung aufzwingen, aber ich kann schauen, dass alles
medizinisch und rechtlich korrekt abläuft. Dass jeder den Zugang zu einer guten Medizin
hat und auch zu einem guten Tod.

Das heißt, Sie sind nicht komplett gegen Euthanasie. Sie sagen nur, man soll alle
Möglichkeiten der Palliativmedizin vorher ausgeschöpft haben …


Ich würde nicht einmal mehr das sagen. Natürlich muss man das immer. Schlechte Medizin
darf es nicht geben, das ist klar. Jemand, der wirklich sterben will, muss von Gesetzes
wegen die Möglichkeit dazu haben. Aber wir sind meiner Ansicht nach auf einem sehr
rutschigen Abhang unterwegs. Es gibt einen sehr großen Druck auf viele schwache
Menschen, sich auch umbringen zu lassen. Das ist mein Hauptproblem mit dem
Euthanasiegesetz.


Was sagen Sie, wenn ein Patient im Frühstadium einer Demenz den Wunsch nach
Sterbehilfe äußert?


Darauf antworte ich mit der Unterscheidung zwischen Persönlichkeit A und B.
Persönlichkeit A ist noch nicht dement, und sie sagt, wenn ich einmal dement bin, dann
wünsche ich mir Sterbehilfe. Und an dieser Stelle zitiere ich das Beispiel von Walter Jens,
dem berühmten deutschen Rhetoriker: Er war immer ein Verfechter der Euthanasie. Als er
an Demenz in fortgeschrittenem Stadium litt, ging er fröhlich pfeifend die Straße entlang
und sang. Und sein Sohn schrieb ein Buch darüber, dass der Vater, entgegen früherer
Äußerungen, einfach nur weiterleben wollte. Das ist der aktuelle Wille.


In der gesamten Medizin zählt der aktuelle Wille und kann nicht dem Willen aus früheren
Zeiten unterstellt werden. Die Entwicklung zu sagen, dass nur die Persönlichkeit A zählt,
und die Persönlichkeit B keine Rechte mehr hat, finde ich schlimm. Für Palliativmediziner
zählt immer der letzte Wille am Ende des Lebens. Dies gehört zwingend zur Definition von
Würde dazu.

Zur Person


Dr. Robert Thill-Heusbourg ist Neurologe und Psychotherapeut mit einer
Zusatzausbildung in Sportmedizin, Palliativmedizin und Geriatrie. Er arbeitete von 1994
bis 2022 im Hôpital du Nord in Ettelbrück, kurze Zeit davon als medizinischer Direktor,
und ist seit 2022 nurmehr in seiner Praxis tätig. ADR-Mitglied Thill-Heusbourg ist
Mitgründer des Dachverbandes und Kompetenz-Netzwerks „Treffpunkt ADHS“ und stand
diesem von 2011 bis 2018 als Präsident vor. Darüber hinaus war er 2008 Mitgründer der
Bürgerinitiative „Euthanasie: Neen! – Palliativ: Jo!“.

Martina Folscheid
Redakteurin Luxemburger Wort

https://www.wort.lu/politik/dr.-robert-thill-heusbourg-wir-sind-auf-einem-sehr-rutschigen-abhang-unterwegs/158030248.html

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