{"id":541,"date":"2015-11-24T15:49:17","date_gmt":"2015-11-24T14:49:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/?p=541"},"modified":"2015-12-10T08:21:23","modified_gmt":"2015-12-10T07:21:23","slug":"recht-zum-sterben-pflicht-zum-sterben-seid-sand-nicht-ol-im-getriebe-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/?p=541","title":{"rendered":"Recht zum Sterben-Pflicht zum Sterben: Seid Sand, nicht \u00d6l im Getriebe der Welt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dr Robert Thill-Heusbourg<\/strong><\/p>\n<p><strong>Vortrag am Ethik-Symposium<\/strong><\/p>\n<p><strong>St. Josef-Hospital Wiesbaden<\/strong><\/p>\n<ol start=\"18\">\n<li><strong> November 2015<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Zwei Bemerkungen zu Beginn:<\/p>\n<ol>\n<li><strong>\u00a0<\/strong>Folie Centre Hospitalier du Nord<\/li>\n<\/ol>\n<p>Als wir 2003 in Ettelbruck unser Klinikum neu bauten, hatten die Architekten die Idee, die Palliativstation nicht nur nicht im allgemeinen Bettenfl\u00fcgel, sondern im ruhigeren zentralen Verwaltungsturm unterzubringen, andererseits aber auch nach aussen eine Grenze zu \u00fcberschreiten, indem sie die Zimmer einfach einen Meter \u00fcber die Fassade hinauswachsen liessen : zeichenhaft f\u00fcr das Mehr an Engagement, Zeit und Raum, was \u00a0gute Medizin und Palliativmedizin von uns einfordern.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Folie Wappen Spaniens: Plus ultra<\/li>\n<\/ol>\n<p>Im Wappen Karls V. symbolisieren die S\u00e4ulen des Herakles noch die Grenzen der alten Welt, das \u201cNon plus ultra\u201d, das \u201cHier geht es nicht mehr weiter\u201d, konkret bei den Ph\u00f6niziern die Meerenge von Gibraltar, aber Karl V. hatte diese S\u00e4ulen dann nach seinem Vorstoss nach Amerika mit einem neuen Spruchband mit seinem nun modifizierten Wahlspruch \u201cplus ultra\u201d, also \u201cdar\u00fcber hinaus\u201d, \u201cimmer weiter\u201d, versehen. Dieses \u201cPlus ultra\u201d ist nun auch zur Devise unserer globalisierten Welt geworden und dient quasi als Auftrag, alle bestehenden Grenzen, und nat\u00fcrlich besonders\u00a0 in den Geistes-und Naturwissenschaften, aber auch im religi\u00f6sen, ethischen und moralischen Geistesraum in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe immer schon gesagt, dass die Vorbereitung zum Euthanasie-Denken\u00a0 schon beim \u00f6ffentlichen Transport beginnt. Wenn wir es nicht schaffen, den schw\u00e4cheren Mit-Menschen, welche nicht mehr so gut und so schnell \u201efunktionieren\u201c, das Gef\u00fchl zu geben, dass sie ge-und besch\u00fctzt (siehe \u201ePallium\u201c) werden, dann brauchen wir uns auch nicht zu wundern, wenn sie fr\u00fch- und vorzeitig bereit sind, Schluss zu machen und ihrem Leben ein Ende zu bereiten (bereiten zu lassen), sobald sie auf die Hilfe und Unterst\u00fctzung anderer Menschen angewiesen sind.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese palliative Kultur beginnt schon bei der H\u00f6he der B\u00fcrgersteige und bei der L\u00e4nge der \u201eGr\u00fcnphasen\u201c bei unseren Fussg\u00e4nger-\u00dcberg\u00e4ngen. Erstere wurden n\u00e4mlich an vielen Stellen auf 3 cm erniedrigt, aber ohne dabei zu bedenken, dass \u00e4ltere und behinderte Menschen mit ihrem Gehgestell oder Rollstuhl dort oft an diesem Hindernis scheitern, da sie nicht mehr die Kraft\u00a0 zum Hochheben haben. Ich bin im Jahr\u00a0 2008 nach der ersten Abstimmung \u00fcber das Euthanasie-Gesetz in Luxemburg-Stadt \u00a0mit meiner damals 82-j\u00e4hrigen\u00a0 Mutter ein letztes Mal durch das Viertel spazieren gegangen, in dem sie ununterbrochen (bis auf die zwei Jahre der Lagerhaft von 1943 bis 1945) von der Geburt bis zum Tod\u00a0 gelebt hatte. Sie hatte es zwei Tage vorher \u00a0noch einmal allein versucht, von ihrem Altersheim St Jean bis zu ihrer \u00a0500 Meter entfernten Buchhandlung \u00a0zu gehen und dann stand sie auf einmal in der Avenue de la Libert\u00e9 mitten auf der Fahrbahn, die Gr\u00fcnphase war nat\u00fcrlich f\u00fcr Fussg\u00e4nger schon beendet und sie schaffte es auch einfach nicht, ihr Gehgestell \u00fcber dieses 3 cm hohe\u00a0 gedankenlos angebrachte und nutzlose Hindernis hinwegzuheben. Gottseidank half ihr ein Fremder, auf den Gehsteig hinaufzukommen. Anschliessend\u00a0 traute sie sich nicht mehr auf die Strasse und sie f\u00fchlte sich \u00fcberfl\u00fcssig und f\u00fcr die Mitmenschen zur Last und Belastung geworden. Sie konnte aus diesem Grund in der Stadt auch nicht mehr mit dem Bus fahren, da ihr sehr oft freiwillig kein Sitzplatz angeboten wurde \u00a0und der Bus meistens so schnell anfuhr, dass sie schon zu Boden gest\u00fcrzt war, bevor sie \u00fcberhaupt einen Sitzplatz erreichen konnte. Gleiches galt f\u00fcr Fahrten mit dem Zug, wo meistens kein Schaffner mehr da war, um zu fragen , ob einer der Passagiere Hilfe beim Ein-und Aussteigen brauchte. So stellte sie zuletzt auch ihre regelm\u00e4ssigen Besuche bei uns ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Madame Marie de Hennezel, Berichterstatterin f\u00fcr die franz\u00f6sische Regierung zur Bestandsaufnahme der Palliativmedizin in Frankreich (\u201eLa France palliative\u201c), schreibt\u00a0 2005, dass der Mensch oft am Ende seines Lebens sein Selbstbild (\u201eimage de soi\u201c) verliert und dass dieser Verlust nur von den anderen Menschen korrigiert werden kann. Dieser Auftrag ist jedem von uns in der Begegnung mit kranken und sterbenden Menschen gegeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jacques Lacan, der grosse franz\u00f6sische Psycho-Analytiker schreibt in einem allgemeineren Zusammenhang : \u201ec\u2019est le regard de l\u2019autre qui me constitue\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oder:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00ab Le moi, devant autrui, est infiniment responsable.\u00a0 \u00bb<\/p>\n<p>(Emmanuel Levinas)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den Niederlanden begann in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts die Diskussion dar\u00fcber, welche Werte in der Diskussion um ein w\u00fcrdiges Sterben im Vordergrund stehen sollten und federf\u00fchrend war die damalige Vorsitzende der niederl\u00e4ndischen Sterbehilfevereinigung, Helene Dupuis, eine evangelische Theologin und Medizin-Ethikerin. Die Idee der Selbstbestimmung stand ganz im Vordergrund und wurde aber dann zunehmend vom Konzept des Lebenswerts und der fremdbeurteilten \u00a0und fremdbestimmten W\u00fcrde des Lebens abgel\u00f6st. Hier stand dann das Konzept der W\u00fcrde als Gestaltungsauftrag im Vordergrund und das Konzept der (unverlierbaren) W\u00fcrde als Wesensmerkmal, welche weder zu-noch abgesprochen werden konnte, trat in den Hintergrund, oft in Zusammenhang mit der Bemerkung, dass man doch Mitleid haben sollte. Helen Dupuis verstieg sich sogar zur Aussage, dass der Begriff der W\u00fcrde nur dann greife, wenn der Mensch sich ihrer noch bewusst sein k\u00f6nnte und dass der Begriff der \u2013oft von katholischer Seite eingeforderten &#8211; \u201cHeiligkeit des Lebens\u201d hinderlich sei, weil er ja nur am Nachdenken hindere.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die \u00dcberbleibsel der konfessionellen Unterschiede sind durchaus auch bei unserem heutigen Thema noch sp\u00fcrbar in Europa. Der Leistungsgedanke als Legitimation und der \u00a0hohe Stellenwert des Individuums im Protestantismus gegen\u00fcber den zentralisierten und weniger dem Leistungsgedanken verschriebenen starren Hierarchien des Katholizismus, Gewissensentscheidung im Einzelfall versus r\u00f6misch vorgegebene Norm, der Vormarsch der Euthanasie ausschliesslich in den wirtschaftlich reichen protestantisch gepr\u00e4gten Regionen Nordeuropas gegen\u00fcber der \u00a0noch harmloseren Situation in den wirtschaftlich schwachen katholisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern, wie es in Belgien offensichtlich ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Idee der Euthanasie und der W\u00fcrde breitete sich dann von den Niederlanden \u00a0auf das ebenfalls protestantisch gepr\u00e4gte Flandern aus und f\u00fchrte dort \u00a02002 zum belgischen Euthanasiegesetz, welches dem niederl\u00e4ndischen sehr \u00e4hnlich ist mit der Ausnahme, dass dort der assistierte Suizid nur in Anwesenheit des Arztes vollzogen werden darf, eine umgekehrte Garantenpflicht sozusagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das belgische Euthanasie-Gesetz gilt nat\u00fcrlich auch\u00a0 in Wallonien, dem\u00a0 katholischen S\u00fcdteil Belgiens, doch werden hier nur ca 20 % der Euthanasie-F\u00e4lle durchgef\u00fchrt, der Grossteil findet somit im protestantisch gepr\u00e4gten Flandern statt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im katholisch gepr\u00e4gten, aber weitgehend s\u00e4kularisierten Grossherzogtum Luxemburg wurde das Euthanasiegesetz erst 2008 gestimmt und wir verdanken es \u00a0leider dem ehemaligen christlich-sozialen \u00a0Luxemburger \u00a0Premier-Minister Jean-Claude Juncker, dass dieses nicht im Koalitionsvertrag der schwarz-roten \u00a0Koalitionsregierung vorgesehene Gesetz dank seiner Duldung und F\u00f6rderung einer alternativen Mehrheit im Parlament gestimmt werden konnte, wobei\u00a0 aber nur eine der 24 christlich-sozialen Abgeordneten daf\u00fcr stimmte. Juncker sagte damals, dass die christlich-soziale Partei als Volkspartei eben da stehen m\u00fcsse, wo auch das Volk stehe und er benutzte in dieser Zeit oft das Nebelwort vom \u201cethischen Frieden\u201d in unserem Land.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Philosoph Marcel Gauchet\u00a0 schreibt in seinem Buch von der Entzauberung der Welt (le monde d\u00e9senchant\u00e9) , dass das Christentum eigentlich die Religion des Austritts aus der Religion sei, die Ursache und den Keim der Emanzipation sozusagen als Ausstiegspforte aus dem Religi\u00f6sen schon system-immanent eingebaut habe, indem es im Christentum zu einem Paradigmenwechsel vom Begriff der Heteronomie zur Autonomie kam und so erst den modernen Autonomie-und Freiheitsbegriff m\u00f6glich machte. Es ist eine sehr interessante \u00a0Idee als Hintergrund zum Thema, warum Euthanasie gerade in den christlichen Kulturen, welche die Aufkl\u00e4rung mitgemacht haben (katholisch, evangelisch minus Orthodoxie), entstand und warum ausgerechnet in den christlich-protestantischen Gegenden des n\u00f6rdlichen Europa die Euthanasie auf so fruchtbaren Boden fiel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Argumentarium Nr 1 von 2015 des Instituts f\u00fcr \u00f6ffentliche Theologie und Ethik der Diakonie steht diese Zusammenfassung zu den Unterschieden zwischen der r\u00f6misch-katholischen und den evangelischen Kirchen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201cDie r\u00f6misch-katholische Kirche f\u00e4llt ein eindeutiges Urteil und unterscheidet klar zwischen erlaubter passiver bzw. indirekter Sterbehilfe und nicht erlaubter aktiver Sterbehilfe. T\u00f6tung auf Verlangen und Beihilfe zum Suizid gelten als so genannte \u201ein sich schlechte Handlungen\u201c. Es kann weder Ausnahmen geben, noch sind sie offen f\u00fcr Verfahren der G\u00fcterabw\u00e4gung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Evangelischen Kirchen hingegen betonen den Konflikt. Sie betrachten Entscheidungen am Lebensende als Dilemmata und als moralische Aus- nahmesituationen. Das hei\u00dft: Es l\u00e4sst sich nicht eindeutig sagen, dass eine bestimmte Handlung moralisch gut oder richtig bzw. moralisch schlecht oder falsch ist. Immer muss abgewogen werden, sprechen auch gute Gr\u00fcnde gegen eine Entscheidung, m\u00fcssen Kompromisse getroffen werden. Es geht weniger darum, dass diese Kompromisse moralisch einwandfrei sind, als darum, der konkreten Situation m\u00f6glichst gerecht zu werden und Verantwortung zu \u00fcbernehmen \u2013 unter Umst\u00e4nden auch um den Preis, Schuld auf sich zu laden.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem k\u00fcrzlich in der \u00f6sterreichischen katholischen Wochenzeitschrift\u00a0 \u201cDie Furche\u201d ver\u00f6ffentlichten Interview wurde Dietmar Mieth gefragt, wie sich in einer s\u00e4kularen Gesellschaft bioethische Positionen, die letztlich theologisch begr\u00fcndet sind, vermitteln liessen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mieth antwortete und ich zitiere bewusst die ganze Antwort:\u201d Zun\u00e4chst w\u00fcrde ich sagen, dass die S\u00e4kularisierungsthese sehr differenziert betrachtet werden muss. Auch der ungebrochene Fortschrittsglaube der Optimierer ist eine Religion. Man sieht, dass Religion nicht einfach verschwindet, sondern sich h\u00f6chstens s\u00e4kular umformt. Ich setze also Religion gegen Religion. Der zweite Punkt w\u00e4re etwas, das ich kritische Theorie nennen w\u00fcrde. Die liberale Sicht sagt, die Menschen k\u00f6nnen und sollen selbst bestimmen. Da gibt es einmal den Einwand, dass es nicht nur um Selbstbestimmung geht, sondern auch um Fremdbestimmung \u2013 n\u00e4mlich der folgenden Generationen, z.B. in der Fortpflanzungsmedizin. Und dann ist es so, dass in der derzeitigen wirtschaftspolitischen Landschaft oft Probleme in die Selbstbestimmung verschoben werden, die eigentlich solidarisch gel\u00f6st werden sollten. Beispielsweise wird gesagt, jeder Mensch kann bestimmen, wann und wie er stirbt. Aber das ist die Kehrseite dessen, dass wir ein Dezit in der Betreuungs- und Pflege- Situation haben. Wir bringen die Menschen objektiv in Situationen, in denen wir ihnen die Selbstbestimmung der Vorverlegung ihres Endes zumuten. Es geht also um die Verschiebung eines sozialen Problems in die pers\u00f6nliche Unertr\u00e4glichkeit. Deswegen spreche ich auch von den \u201eGrenzen der Selbstbestimmung\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Viele Botschaften gehen bewusst oder unbewusst \u00fcber die Sprache \u00a0und die Grenzen unserer Sprache bestimmen auch hier die Grenzen unserer Welt. Als im Juni dieses Jahres nach jahrelangem \u00a0Rechtsstreit der EGMR die Rechtm\u00e4ssigkeit des Abbruchs der Nahrungs-und Fl\u00fcssigkeitszufuhr beim Wach-Koma-Patienten Vincent Lambert mit einer 12:5 Entscheidung best\u00e4tigte und das \u00c4rzteteam im Uniklinikum Reims daraufhin doch entschied, dieses Urteil nicht sofort umzusetzen sondern zuerst einen Kontroll-Betreuer einzusetzen, erschien diese Meldung in der gr\u00f6ssten, dem Erzbistum Luxemburg geh\u00f6renden\u00a0 Tageszeitung , dem \u201cLuxemburger Wort\u201d, mit dem Titel \u201cVincent Lambert reste \u201cen vie\u201d\u201d, also Vincent Lambert bleibt am Leben, aber der Redakteur hatte das Wort \u00a0\u201cLeben \u201c\u00a0 unter Anf\u00fchrungszeichen gesetzt, was einem abwertenden\u00a0 Urteil entspricht, ganz im Ductus der \u00f6ffentlichen und ver\u00f6ffentlichten Meinung, dass dieses doch kein Leben mehr sei, und wenn, dann\u00a0 der menschlichen W\u00fcrde wahrscheinlich widersprechend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist deswegen auch nicht weiter erstaunlich, dass das einheitlich und gemeinsam abweichende Votum von 5 Richtern des EGMR aus Ost-bzw S\u00fcdeuropa stammt, das heisst aus dem muslimisch gepr\u00e4gten Aserbaidjan, aus den orthodox gepr\u00e4gten Georgien und Moldawien und aus den katholisch gepr\u00e4gten Malta und Slowakei. Die grosse Kammer des EGMR f\u00e4llte ihr Urteil im Fall Lambert gegen Frankreich mit 12 gegen 5 Stimmen unter dem Vorsitz des Luxemburger Richters Dean Spielmann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieses Urteil des EGMR hat grosse Bedeutung f\u00fcr die Schlussfassung des neuen, 2015 in erster Lesung angenommenen Sterbehilfe Gesetzes in Frankreich, welches unter dem Vorwand, das 2005 gestimmte Leonetti-Gesetz \u00fcber die damals so genannte passive Sterbehilfe zu erg\u00e4nzen, ein verstecktes Euthanasie \u2013Gesetz einf\u00fchrt (\u201cune euthanasie qui ne dit pas son nom\u201d). Mit dem Urteil des EGMR werden Wachkoma-Patienten wie Vincent Lambert nicht mehr als Schwerbehinderte, sondern\u00a0 als potentiell Sterbende klassifiziert und da die k\u00fcnstliche Zufuhr von Ern\u00e4hrung und Fl\u00fcssigkeit im neuen Gesetz nicht mehr zu der jedem Menschen zustehenden Basispflege, sondern zu medizinischer Therapie gez\u00e4hlt wird, kann diese\u00a0 dann auch \u2013wie bei vielen anderen chronischen Krankheiten- bei diesen Wachkoma-Patienten rechtens abgesetzt werden, wobei gleichzeitig eine endg\u00fcltige terminale Sedierung eingeleitet werden muss, welche im Gegensatz zur palliativen Sedierung weder reversibel noch verh\u00e4ltnissm\u00e4ssig ist. Dass der bekannteste Palliativ-Mediziner Frankreichs, der Kardiologe Senator Jean Leonetti, gemeinsam mit seinem sozialistischen Partner Alain Claeys im Auftrag von Pr\u00e4sident Hollande diesen Gesetzesentwurf eingebracht hat, wundert sehr viele Menschen nicht nur in Frankreich, ist aber wahrscheinlich im Sinne des auch schon von Jean-Claude Juncker gew\u00fcnschten ethischen Friedens im Land zu verstehen: es ist ein schlechtes Gesetz, das ein noch schlechteres verhindern sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die erste Euthanasie in Luxemburg nach dem neuen Gesetz von 2009 erfolgte \u00fcbrigens in einem katholischen Ordenskrankenhaus und \u00a0sollte nicht die letzte in diesem Haus bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich wurde 2008 nach der Abstimmung in erster Lesung des neuen Euthanasie-Gesetzes gemeinsam mit meinem Namensvetter Bernard Thill, welcher als Pionier der Palliativmedizin in Luxemburg gilt, vom obersten Organ der Luxemburger \u00c4rztekammer als Gr\u00fcndungsmitglieder der B\u00fcrger-Initiative gegen Euthanasie ein-bzw vorgeladen , um unsere Sicht der Dinge zu erkl\u00e4ren. Hier h\u00f6rte man unseren Erl\u00e4uterungen zum \u00e4rztlichen-hippokratischen T\u00f6tungsverbot kurz\u00a0 zu und verabschiedete uns dann mit den Worten, dass die Zeiten sich eben ge\u00e4ndert h\u00e4tten und dass die \u00c4rzteschaft mit den Ver\u00e4nderungen in der gesellschaftlichen Normenbildung eben Schritt halten m\u00fcsse. Nach der Verabschiedung des Gesetzes in zweiter Lesung 2009 wurde dann das T\u00f6tungsverbot aus dem Deontologie-Codex der Luxemburger \u00c4rzteschaft\u00a0 gestrichen und der Text wurde dem neuen Gesetz angepasst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die T\u00f6tungsziffern in Luxemburg nach dem Euthanasie-Gesetz bleiben derzeit noch klein, noch kleiner als\u00a0 im katholischen Wallonien, dem S\u00fcdteil Belgiens ; von 2009 bis 2004 starben \u00a0so insgesamt 34 Patienten (also unter 0,2 % gemessen an allen Todesf\u00e4llen), die meisten waren \u00fcber 60 Jahre alte onkologische oder neurologische Patienten. Zum Vergleich: Der Anteil der Euthanasie-Toten gemessen an der Gesamtzahl der Toten betr\u00e4gt in den Niederlanden mittlerweile zwischen 3 und 4 % und in Belgien um 2 %, Tendenz und Indikationen in beiden L\u00e4ndern stark steigend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die sogenannte Kontroll-Kommission zum Euthanasie- und Suizidhilfe-Gesetz in Luxemburg statuiert so wie ihre Schwester-Kommissionen in den Niederlanden und in Belgien ausschliesslich ex post, also nach dem Ableben der Patienten. Eine ex ante-Regelung war von der alternativen Parlamentsmehrheit als zu kompliziert und\u00a0 das Vertrauensverh\u00e4ltnis zwischen Arzt und Patienten\u00a0 st\u00f6rend abgelehnt worden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese sogenannte Kontroll-Kommission hat mittlerweile ihren dritten Bericht ver\u00f6ffentlicht und gibt an, dass sie keinen einzigen Fall zu beanstanden hatte. Sie z\u00e4hlt aber unter den Kritikpunkten und Empfehlungen unter anderen auf, dass die Regierung zu wenig unternehme, um das Gesetz mit seinen M\u00f6glichkeiten bekannt zu machen und schl\u00e4gt diesbez\u00fcglich auch Multi-Media-Kampagnen vor, sie schl\u00e4gt die Schaffung einer Euthanasie-Dienststelle vor, wo Patienten im Sinne des Gesetzes besser beraten und orientiert werden k\u00f6nnten, sie beanstandet, dass die \u00c4rzte \u00f6fters zu lange abwarteten, bevor sie Patienten \u00fcber ihre Bedenken gegen\u00fcber der Euthanasie-L\u00f6sung aufkl\u00e4ren, sodass viele Patienten im Endstadium einer Krankheit leider nicht mehr die M\u00f6glichkeit h\u00e4tten, sich an einen anderen Arzt \u00fcberweisen zu lassen und last but not least fordert sie die endlich f\u00e4llige Anerkennung der Euthanasie als nat\u00fcrliche Todesursache.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Behauptung, dass die Gegnerschaft zur Euthanasie ja nur aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden erfolge, welche somit f\u00fcr alle nicht religi\u00f6s gebundenen Menschen ohne Belang seien, ist eine der vielen Umdeutungsversuche der Pro-Euthanasie-Bewegung, welche wir klar zur\u00fcckweisen k\u00f6nnen, wie es ja aus allem bisher Gesagten schon hervorgeht. Wir m\u00fcssen uns andererseits sehr bem\u00fchen, einen intelligenten und respektvollen Umgang mit unseren politischen Gegnern zu fordern und zu f\u00f6rdern und dies setzt zuerst einmal voraus, dass beide Seiten grunds\u00e4tzlich darin \u00fcbereinstimmen, dass es kluge und intelligente Gl\u00e4ubige und kluge und intelligente Atheisten gibt. Diese Diskussion wird in Luxemburg aber derzeit von einem wenig intelligenten und wenig gebildeten atheistischen Fundamentalismus bestimmt, welcher geistig im \u201eKulturkampf\u201c des vorletzten Jahrhunderts stehen geblieben ist, wobei die meisten christlichen Kirchen sich in den letzten 150 Jahren sehr positiv und welt-und geist-offen weiterentwickelt haben. Beide Weltanschauungen, ob religi\u00f6s oder atheistisch, haben eine gemeinsame Verantwortung f\u00fcr die friedliche Entwicklung unsererer Welt, und der geistlose Hass gegen alles Religi\u00f6se, dem wir t\u00e4glich in den meisten unserer Medien begegnen, ist sicher keine Werbung f\u00fcr den Atheismus \u201emade in Luxembourg\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kardinal Carlo Maria Martini beschreibt in seinem Buch\u00a0 \u201cJerusalemer Nachtgespr\u00e4che\u201d (2008) auch , wie er in Mailand\u00a0 die Cattedra, den \u201eLehrstuhl der Ungl\u00e4ubigen\u201c , eingerichtet hatte, um von ihnen zu h\u00f6ren, was sie zur Rettung der Welt beitragen und den Menschen zu sagen haben. \u201eIch m\u00f6chte denkende Menschen. Das ist das Wichtigste. Dann kommt erst die Frage, ob sie Gl\u00e4ubige sind oder Nichtgl\u00e4ubige. Wer nachdenkt, wird weitergef\u00fchrt. Darauf vertraue ich. \u201e<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die bekanntesten Euthanasie-\u00c4rzte, Theoretiker und Apologeten der Euthanasie in Belgien, Fran\u00e7ois Damas und Wim Distelmans sprechen von der \u201cmort choisie\u201d (dem aus-erw\u00e4hlten Tod ) im Gegensatz zu der \u201cmort donn\u00e9e\u201d (dem Get\u00f6tet- werden) und der \u201cmort accept\u00e9e\u201d (dem angenommenen Tod) , wie wir es in der Palliativbewegung zu unterscheiden gewohnt sind. Sie schreiben , dass man den Patienten nicht um seinen\u00a0 eigenen Tod berauben d\u00fcrfe,\u00a0 dass man den Tod vollziehen und nicht erleiden solle, dass die T\u00f6tung im Rahmen der Euthanasiegesetze die h\u00f6chste Form der Bindung zwischen Patienten, Familie und Arzt nicht nur voraussetze , sondern (fast in der Sprache der Sakramente) auch bewirke, dass die Euthanasie im Rahmen einer Klinik-oder Altersheim-Abteilung \u00f6fters wie ein Gr\u00fcndungsakt erlebt werden d\u00fcrfe, welcher den Zusammenhalt zwischen allen Team-Mitgliedern best\u00e4rke, da sie sich gemeinschaftlich eines grossen Aufgabe angenommen h\u00e4tten\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich erspare ihnen nun bewusst weitere Zitate aus diesen Federn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der evangelische Theologe Theo Boer, der lange Zeit Mitglied in den sogenannten Euthanasie-Kontroll-Kommissionen in den Niederlanden t\u00e4tig war, zieht ein vernichtendes Fazit dieser Gesetzgebung und berichtete vor kurzem, dass neben den rasch steigenden absoluten Zahlen die Indikationsliste stetig gr\u00f6sser werde und dass zunehmend eine von \u201cMitleid\u201d bestimmte Fremdbeurteilung der Lebensqualit\u00e4t der Betroffenen erfolge. Die sogenannten Kontroll-Kommissionen \u00fcberpr\u00fcfen ja auch nicht die Richtigkeit der Angaben der \u00c4rzte sondern nur den Umstand, ob die ausf\u00fchrenden \u00c4rzte angeben, sich an die Bedingungen des Gesetzes gehalten zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und zum sogenannten Altersfreitod pl\u00e4dierte der k\u00f6niglich-niederl\u00e4ndische \u00c4rzteverband KNMG f\u00fcr einen Mittelweg: Jeder, der alt und lebensm\u00fcde sei, habe Gebrechen, die man mit etwas gutem Willen als \u00ab\u00a0aussichtsloses und unertr\u00e4gliches Leiden\u00a0\u00bb betrachten k\u00f6nne. So d\u00fcrfe der Bitte um einen assistierten Suizid auch ohne eine Gesetzes\u00e4nderung entsprochen werden.<\/p>\n<p>Suizidbeihilfe heisst auch\u00a0 immer, dass es den Komplizen braucht\u00a0 und dass Suizidgedanken auch ansteckend sind. Nicht umsonst gilt es deswegen als ungeschriebene Regel im Deontologie-Kodex der Journalisten, so wenig wie m\u00f6glich \u00fcber Suizide zu berichten, weil der Nachahmungseffekt \u2013 und nicht nur bei den New Yorker U-Bahn- Suiziden so gross ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dietmar Mieth schreibt dazu in seinem Buch \u201cGrenzenlose Selbstbestimmung\u201d \u00a0\u201cBei der straffreien Beihilfe t\u00f6tet sich der Betroffene immer noch selbst. Ich lege nicht Hand an ihn. Indem ich diese Schwelle \u00fcberschreite, trete ich an die Seite derer, die eine soziale Situation um Sterben und Tod nicht mehr \u00e4ndern, sondern zum Sterbegrund machen wollen. Darauf wird die Frage nach dem Ersatz des erkl\u00e4rten Willens durch den mutmasslichen Willen folgen.(\u2026)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201cIch werde ihm ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann, sagt der \u201cPate\u201d in der Mafia.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit den Gesetzen zu Euthanasie und Suizid-Beihilfe haben wir eine T\u00fcr ge\u00f6ffnet, die niemand mehr schliessen kann. In einem offenen Brief hoher j\u00fcdischer, christlicher und muslimischer Repr\u00e4sentanten in Belgien hiess es: \u201cDem Leben ein Ende bereiten ist eine Tat, die nicht nur ein Individuum t\u00f6tet, sondern das soziale Gewebe der Gesellschaft. \u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Dezember 2008 gab Grossherzog Henri von Luxemburg bekannt, dass er sich nach reiflicher \u00dcberlegung entschlossen habe, das Euthanasie-Gesetz nicht zu unterschreiben, da\u00a0 seine Unterschrift nach der Verfassung sowohl Billigung als auch Verk\u00fcndung bedeute, und diese Billigung k\u00f6nne er nicht mit seinem Gewissen und mit seinem Glauben\u00a0 vereinbaren. Dieser Schritt, \u00fcber den Premier-Minister Juncker schon lange vorher informiert war f\u00fchrte zu einer schweren Verfassungskrise und nicht wenige warfen dem (katholischen ) Grossherzog eine Missachtung der parlamentarischen Demokratie vor, nannten seine Haltung \u201creaktion\u00e4r und imperialistisch\u201d und forderten seinen R\u00fccktritt und die Abschaffung der Monarchie.\u00a0 Es entstand daraufhin eine schwere Verfassungs-und Monarchie-Krise in Luxemburg, welche in der bald einstimmig im Parlament beschlossenen Verfassungs\u00e4nderung, nachdem der Grossherzog Gesetze mit seiner Unterschrift nicht mehr zu billigen, sondern nur mehr zu verk\u00fcnden hatte, ihr vorl\u00e4ufiges friedliches Ende fand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Haltung erinnerte an die Entscheidung seines katholischen Onkels Baudouin, der als K\u00f6nig der Belgier 1990 ebenfalls aus Gewissens-und Glaubensgr\u00fcnden\u00a0 sich weigerte, ein Gesetz zur Liberalisierung des Abtreibungsgesetzes zu unterzeichnen. Die belgische Regierung erkl\u00e4rte Baudouin deshalb auf dessen eigenen Wunsch hin am 4. April 1990 f\u00fcr regierungsunf\u00e4hig. F\u00fcr diesen Fall sah die belgische Verfassung vor, dass die gesamte Regierung die Funktion des Staatsoberhauptes \u00fcbernimmt. Nachdem alle Regierungsmitglieder das Gesetz unterzeichnet hatten, erkl\u00e4rte die Regierung am n\u00e4chsten Tag\u00a0 Baudouin wieder f\u00fcr regierungsf\u00e4hig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den 2006 erschienenen\u00a0 Memoiren des fr\u00fcheren (fl\u00e4mischen, aber katholisch gepr\u00e4gten) Ministerpr\u00e4sidenten Belgiens, Wilfied Martens, berichtet dieser, dass nach seiner Einsch\u00e4tzung der\u00a0 fr\u00fchere K\u00f6nig der Belgier Baudouin das Sterbehilfegesetz des Landes nicht unterzeichnet h\u00e4tte. Er sei sich \u201ehundertprozentig sicher\u201c, dass Baudouin das Gesetz abgelehnt h\u00e4tte, w\u00e4re er 2002 noch am Leben gewesen und auch die niederl\u00e4ndische K\u00f6nigin Beatrix sei in den 90er Jahren besorgt \u00fcber die m\u00f6gliche Einf\u00fchrung eines Sterbehilfegesetzes in ihrem Land gewesen. Beide Staatsoberh\u00e4upter h\u00e4tten sich dar\u00fcber ausgetauscht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend des 2. Dezember 2009 waren alle Politiker um unseren katholischen Premier-Minister Jean-Claude Juncker bem\u00fcht, zu zeigen, dass die Dinge bald wieder ihren (leider) gewohnten Lauf gehen werden und nur der Grossherzog hat\u00a0 damals beispielhaft f\u00fcr unser Land und die ganze Welt gezeigt, dass er die Grundaufgabe der jungen Generation, unbequem , Sand, und nicht \u00d6l im Getriebe der Welt zu sein, wie es im Gedicht \u201eTr\u00e4ume\u201c von G\u00fcnther Eich heisst, besser verstanden hat, als diese Generation selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Deutschland scheint\u00a0 sich -zumindest auf der Ebene der Bundespolitik-\u00a0 vor dem Hintergrund der geschichtlichen Erfahrungen mit der Euthanasie-Politik \u2013und Praxis im Nationalsozialismus noch eine gewisse Immunit\u00e4t gegen die derzeitige Euthanasie-Idee erhalten zu haben; auf der Ebene des Volkes und der \u00c4rzteschaft\u00a0 scheint mir der Impferfolg viel geringer zu sein und der weltanschauliche\u00a0 Einfluss seiner Nachbarstaaten Frankreich und der Benelux-L\u00e4nder w\u00e4chst kontinuierlich, wie wir es in den Medien und auf Kongressen und in Fach-Zeitschriften beobachten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1980, ich hatte gerade mein Medizinstudium in Graz begonnen,\u00a0 nahm ich als Zuh\u00f6rer erstmalig am Ingeborg -Bachmann-Preis in Klagenfurt teil und h\u00f6rte\u00a0 im Rahmen dieses Lesemarathons zum ersten Mal den Text, mit dem der vor mir sitzende junge deutsche Schriftsteller\u00a0 Sten Nadolny den Preis gewinnen sollte: \u201cKopenhagen 1801\u201d, einen Auszug aus seinem sp\u00e4ter ber\u00fchmten Entwicklungsroman \u201cDie Entdeckung der Langsamkeit\u201d, in dem er die Biographie des englischen Seefahrers und Nordpolforschers John Frankling so umschreibt, dass dieser Lebenslauf zu einer subtilen Studie \u00fcber die Zeit wird und die Langsamkeit zu der Kunst, dem Rhythmus des Lebens Sinn zu verleihen bzw den Sinn des Lebens anders zu ersp\u00fcren: aus der Perspektive der Langsamkeit ver\u00e4ndert sich die Welt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und er l\u00e4sst John Frankling sagen : \u201dIch nehme mir Zeit, bevor ich einen Fehler mache\u201d (SP, 1987, S.199) und, etwas sp\u00e4ter in einem Gespr\u00e4ch mit seiner kleinen Tochter, welche ihn gefragt hatte, woran man denn erkenne, ob jemand ein B\u00f6sewicht sei: \u201c Ein B\u00f6sewicht\u201d, sagte John,\u201d kennt seine richtige Geschwindigkeit nicht. Er ist bei den falschen Gelegenheiten zu langsam und bei den anderen zu schnell, wo\u00a0 es auch verkehrt ist.\u201d(\u2026) Er tut zu langsam das, was andere von ihm wollen, zum Beispiel gehorchen oder helfen. Aber er versucht viel zu schnell das zu kriegen, was er von anderen will (\u2026) (SP, 1987, S.307)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Diaspora-Situation der christlichen Hochschulseelsorge in Wien zitierte die Journalistin Andrea Roedig im Wiener Standard vor kurzem den Wiener\u00a0 Studentenseelsorger Helmut Sch\u00fcller mit dem Satz, dass sein wichtigstes Arbeitsinstrument daraus bestehe, in langsamem Schritt \u00fcber den Campus zu gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eHeilsame Unterbrechung\u201c, das ist ja auch nach Johann Baptist Metz eine Kurzdefinition f\u00fcr die Religion.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die neue Form einer \u00f6ffentlichen Theologie, wie wir sie vor kurzem in der Rede von Navid Kermani in der Frankfurter Paulskirche kennen lernen durften, war ein Signal und eine Erinnerung an uns, \u00a0die spirituelle Haltung des Betenden wieder einzunehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geht hier auch um die \u201cOffenheit f\u00fcr das Unerbetene\u201d , um die Ethik der Gabe und des Empfangens, die sich laut Michael Sandel vor allem noch in der Elternschaft halte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geht auch um Offenheit gegen\u00fcber einem jesuanischen versus einem olympischen Menschenbild.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den Tagen nach den Pariser Attentaten war das Beten pl\u00f6tzlich wieder in aller Munde, sogar west-europ\u00e4ische Politiker scheuten sich nicht, um ein Gebet zu bitten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite versuchte ein Familienangeh\u00f6riger der Pariser Attent\u00e4ter einem der Br\u00fcder mit den Worten: \u201czudem sei er nicht religi\u00f6s, halte keinen Ramadam und bete nicht regelm\u00e4ssig\u201d ein glaubhaftes Alibi zu verschaffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe allen meinen sieben Kindern den Zweitnamen Maria gegeben, um sie einerseits zu erinnern an die Umkehr der Werte von stark und schwach, reich und arm im Magnifikat und andererseits daran, dass\u00a0 die Aufmerksamkeit das Wesen des Gebets und der Gastfreundschaft ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00fcrde Jesus heute Zeitung lesen statt zu beten?\u00a0 In der Furche vom 5.4.2012\u00a0 erinnerte uns Rudolf Mitl\u00f6hner in seinem Leitartikel an diese provokante Frage\u00a0\u00a0 der\u00a0 evangelischen Theologin Dorothee S\u00f6lle (1929\u20132003) vor bald f\u00fcnfzig Jahren. Gebet sei \u2013 wie Zeitung lesen\u2013 so etwas wie eine Vergewisserung \u00fcber den Gesamtzusammenhang, schrieb S\u00f6lle. Sie meinte damit wohl, so interpretierte es Mitl\u00f6hner, ein Sich-Sammeln und \u2013\u00d6ffnen f\u00fcr das Ganze der Wirklichkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich will mit einem Zitat von Bertolt Brecht schliessen. \u201eDer warme Wind bem\u00fcht sich noch um Zusammenh\u00e4nge, der Katholik\u201c, schreibt er &#8211; wohl ironisch \u2013 in seinem 1. Psalm. Brecht hatte diese literarische Gebetsform der Israeliten sehr fr\u00fch f\u00fcr sich wiederentdeckt und h\u00e4lt hierzu schon 1920 in seinem Tagebuch fest: \u201eIch muss noch einmal Psalmen schreiben. Das Reimen h\u00e4lt zu sehr auf. Man muss nicht alles zur Gitarre singen k\u00f6nnen\u201c.Die beschriebenen Zusammenh\u00e4nge zu erkennen und sie zu ber\u00fccksichtigen ist im \u00fcbrigen die Aufgabe aller Menschen und nicht nur die der von Brecht hier erw\u00e4hnten Katholiken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir wissen, was jetzt kommt. Nehmen wir uns also ruhig Zeit, bevor wir einen Fehler machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>D<strong>r Robert Thill-Heusbourg<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr Robert Thill-Heusbourg<\/p>\n<p>Vortrag am Ethik-Symposium<\/p>\n<p>St. Josef-Hospital Wiesbaden<\/p>\n<p> November 2015 <\/p>\n<p>Zwei Bemerkungen zu Beginn:<\/p>\n<p> Folie Centre Hospitalier du Nord <\/p>\n<p>Als wir 2003 in Ettelbruck unser Klinikum neu bauten, hatten die Architekten die Idee, die Palliativstation nicht nur nicht im allgemeinen Bettenfl\u00fcgel, sondern im ruhigeren zentralen Verwaltungsturm unterzubringen, andererseits aber auch nach aussen [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,1,6,4,15],"tags":[],"class_list":["post-541","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bioethik","category-chantier","category-euthanasie","category-famill-a-gesellschaft","category-medizin","odd"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/541","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=541"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/541\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":547,"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/541\/revisions\/547"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=541"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=541"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=541"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}