{"id":361,"date":"2010-10-26T11:25:52","date_gmt":"2010-10-26T10:25:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/?p=361"},"modified":"2010-10-26T11:26:30","modified_gmt":"2010-10-26T10:26:30","slug":"cannabis-und-moneten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/?p=361","title":{"rendered":"Cannabis und Moneten?"},"content":{"rendered":"<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u201eWieso die \u00c4rztevereinigung AMMD den Arbeitskampf ausgerufen hat, versteht in der breiten \u00d6ffentlichkeit niemand. Die \u00c4rzte f\u00fcrchten sich scheinbar vor einer Verstaatlichung der Medizin. In Wahrheit geht es ihnen um die Verteidigung ihrer Pfr\u00fcnde \u2013 auch wenn sie das nie offen zugeben w\u00fcrden.\u201c, so Jo\u00eblle Merges in einem Kommentar im LW vom 23.10.2010.<\/p>\n<p>In der Brockhaus Enzyklop\u00e4die bezeichnet \u201ePfr\u00fcnde\u201c ein \u201ekirchliches Benefizium, nach fr\u00fcherem katholischen Kirchenrecht ein Kirchenamt, das mit einer Verm\u00f6gensaustattung (Land, Geldverm\u00f6gen u.a.) verbunden war, deren Ertr\u00e4ge zum Unterhalt des Amtsinhabers (Benefiziat) bestimmt waren.\u201c<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das heisst also im Klartext, dass es den \u00c4rzten in ihrer Protestbewegung ausschliesslich um die Wahrung ihrer finanziellen Interessen gelegen sei. Das finde ich, ist eine ungeheuerliche Unterstellung, welche es sehr unwahrscheinlich scheinen l\u00e4sst, dass die Autorin dieser Zeilen sich die M\u00fche gemacht hat, die von der AMMD im Detail kommentierte und mit ausf\u00fchrlichen Verbesserungsvorschl\u00e4gen versehene Version des Gesetzesentwurfs \u201e\u00e0 t\u00eate repos\u00e9e\u201c durchzulesen.<\/p>\n<p>Sie h\u00e4tte dann sicherlich auch besser verstanden, wieso auch die Allgemeinmedizinerin Dr.Martine Mergen, gesundheitspolitische Sprecherin der CSV, der sie sicherlich nicht schn\u00f6de finanzielle Eigeninteressen unterstellen wollte,\u00a0 so wie die Mehrheit der Luxemburger \u00c4rzteschaft, den\u00a0 Aufruf zum Arbeitskampf bef\u00fcrwortet hat.<\/p>\n<p>Die gesundheitspolitische Sprecherin der CSV hat n\u00e4mlich \u00a0nicht nur \u201eVerst\u00e4ndnis\u201c f\u00fcr die Protestaktionen der \u00c4rzte, wie in einem Bericht von \u201ejm\u201c im LW vom 23.10.2010 \u00a0\u00fcber die Arbeit des Gesundheitsausschusses des Parlaments angef\u00fchrt wird. Sie hat sogar als damals pers\u00f6nlich anwesendes Mitglied der AMMD bei allen Antr\u00e4gen der ausserordentlichen Generalversammlung der AMMD vom 22.9.2010, und ich erw\u00e4hne hier unter anderen \u201eque l\u2019avant-projet de loi, pr\u00e9sent\u00e9 par le Ministre de la Sant\u00e9 et de la S\u00e9curit\u00e9 Sociale en date du 27 juillet 2010 est inacceptable et demande le retrait du projet sous sa forme actuelle\u201c und \u201ede d\u00e9clarer avec force qu\u2019en cas d\u2019une fin de non-recevoir de la part du Ministre de la Sant\u00e9 et de la S\u00e9curit\u00e9 Sociale, le conseil d\u2019administration de l\u2019AMMD est charg\u00e9 d\u2019entamer l\u2019action syndicale\u201d so wie die anderen 498 der 500 stimmberechtigten anwesenden \u00c4rzte mit \u201cJa\u201d gestimmt, nur ein Kollege hatte sich bekanntlich bei der offenen und nicht geheimen Abstimmung der Stimme enthalten.<\/p>\n<p>Die Behauptung von \u201cjm\u201c, \u201eZwar fordert sie (Dr Mergen) den Minister nicht auf, seine Reform zur\u00fcckzuziehen. Jedoch m\u00fcssten die vielen Einzelheiten und Unklarheiten, die im Gesetzentwurf enthalten seien, schnellsten gekl\u00e4rt werden.\u201c entspricht also in seinem ersten Satz ganz und gar nicht den (leicht \u00fcberpr\u00fcfbaren) Tatsachen, d.h einer \u00fcber Parteigrenzen hinweg geeinten \u00c4rzteschaft in der sehr differenzierten ablehnenden Beurteilung des Gesetzentwurfes\u00a0 zur Gesundheitsreform vor allem aus gesundheitspolitischen Motiven.<\/p>\n<p>In einem vor kurzem in allen Tageszeitungen ver\u00f6ffentlichten Artikel wiederholt Gesundheitsminister Mars Di Bartolomeo seine Argumente f\u00fcr die jetzige Fassung des Gesetzesentwurfs zur Gesundheitsreform und er scheut sich leider nicht, hierbei auch sehr schlampig mit der Wahrheit umzugehen. So unterstellt er etwa im Kapitel \u00a0\u201eKompetenzb\u00fcndelung, Spezialisierung und Transparenz\u201c\u00a0 \u00a0\u00a0&#8211; nach der Aufz\u00e4hlung einer scheinbar abgeschlossenen Liste von diesbez\u00fcglichen Positiv-Beispielen wie Herzchirurgiezentrum, Rehazentrum, Radiotherapiezentrum- \u00a0im Hinblick auf die Behandlung des\u00a0 Hirnschlaganfalls fehlende Kompetenzb\u00fcndelung und Spezialisierung in spezialisierten Abteilungen, die den h\u00f6chsten internationalen Standards entsprechen. Er schliesst seine Aufz\u00e4hlung ab mit der pauschalisierenden Aussage \u201eGenauso k\u00f6nnen wir es nicht verantworten, dass ein Hirnschlag in der falschen Klinik oder in der falschen Abteilung landet, und der Patient deshalb schwerwiegende bleibende Sch\u00e4den oder sogar sein Leben riskiert. Deshalb: freie Arztwahl ja!Therapiefreiheit ja! Aber bitte mit der n\u00f6tigen Qualit\u00e4tsgarantie f\u00fcr den Patienten.\u201c<\/p>\n<p>Diese Aussagen sind eines Gesundheitsministers von Luxemburg im Oktober 2010 einfach unw\u00fcrdig, denn Herr Di Bartolomeo weiss sehr wohl, dass die Schlaganfallversorgung in Luxemburg mit 3 nach internationalen Standards funktionierenden \u201eStroke Units\u201c in der Mehrzahl der \u201eh\u00f4pitaux g\u00e9n\u00e9raux\u201c vorbildlich abl\u00e4uft und er selbst hat mehrfach Einblick nehmen k\u00f6nnen in die sehr guten Ergebnisse des von der Universit\u00e4t M\u00fcnster supervidierten diesbez\u00fcglichen internationalen Qualit\u00e4tsmanagements, dem sich auch die \u00c4rzte dieser Stroke Units seit Jahren in Eigeninitiative und freiwillig stellen.<\/p>\n<p>Ob es in diesem Zusammenhang wohl ein Zufall ist, dass alle in seiner Positivliste angef\u00fchrten Beispiele\u00a0 \u201e\u00e9tablissements mono-disciplinaires nationaux\u201c im Sinne eines \u201e\u00e9tablissement hospitalier sp\u00e9cialis\u00e9\u201c sind? Sollte Qualit\u00e4tsmedizin auf h\u00f6chstem Niveau unabh\u00e4ngig von den jeweiligen krankheitsspezifischen Besonderheiten und unabh\u00e4ngig von geographischen Bedingungen in Zukunft nur mehr in einer einzigen nationalen Struktur gew\u00fcnscht sein und somit erm\u00f6glicht werden? \u00a0\u201eTime is brain\u201c und so verbietet es sich daher von selbst, in Bezug auf eine optimale Schlaganfallversorgung<br \/>\na l l e r\u00a0 \u00a0in Luxemburg lebenden Menschen von\u00a0 e i n e r\u00a0 einzigen nationalen \u201eStroke Unit\u201c zu tr\u00e4umen. Eine solche Vorstellung l\u00e4sst sich dann allerdings nicht mehr mit medizinischen, sondern nur mit ideologischen Argumenten untermauern. Das w\u00e4re eine richtige zweitklassige und Zweiklassen-Medizin f\u00fcr viele Menschen in unserem Land, und hiermit meine ich nicht nur die Bev\u00f6lkerung des Nordens von Luxemburg.<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlichte und politische Meinungen gehen in diesen entscheidenden Problempunkten der Gesundheitsreform erstaunlicherweise ganz offensichtlich und nahezu unwidersprochen davon aus, dass die Kernkompetenz des medizinischen \u201egesunden Menschenverstandes\u201c \u00a0nicht mehr den Mitgliedern der \u00c4rzteschaft\u00a0 zugesprochen wird. Medizin-fremde Ideologen beherrschen leider auch hier oft das Bild.<\/p>\n<p>Und deshalb zuletzt ein ganz Anderes und doch nicht ohne Zusammenhang: eine Gemeinsamkeit \u2013 zumindest was\u00a0 irrationale Komponenten in der \u00f6ffentlichen und ver\u00f6ffentlichten Meinung anbelangt- besteht auch zu dem in letzter Zeit viel und vor allem von Nicht-\u00c4rzten in der \u00d6ffentlichkeit diskutierten Gebrauch von Cannabis und Cannabis-Bestandteilen in der Medizin. Die Forschungsergebnisse hierzu sind oft\u00a0 vielversprechend, wenn sie denn \u2013um wieder beim gleichen Thema anzukommen- in den H\u00e4nden oder unter Supervision von Spezialisten und im Rahmen von multidisziplin\u00e4ren Kompetenzzentren Anwendung finden.<\/p>\n<p>Ich arbeite nun in Luxemburg seit 16 Jahren als Facharzt f\u00fcr Neurologie mit zus\u00e4tzlichem psychotherapeutischem Abschlussdiplom in einem interdisziplin\u00e4r vernetzten Krankenhausbereich, ich bin\u00a0 Mitglied des multidisziplin\u00e4ren \u201egroupe douleur chronique\u201c des Centre Hospitalier du Nord im H\u00f4pital Saint Louis und des multidisziplin\u00e4ren \u201eCercle Luxembourgeois d\u2019Algologie\u201c und ich absolviere derzeit eine Zusatzausbildung in Palliativmedizin, welche definitionsgem\u00e4ss und von ihrem Selbstverst\u00e4ndnis her auf interdisziplin\u00e4rer Zusammenarbeit beruht.<\/p>\n<p>In allen diesen Bereichen stellen wir uns als Fach\u00e4rzte gegenseitig t\u00e4glich viele Fragen. Wir stellen uns auch selbst t\u00e4glich vielen Fragen und nicht zuletzt stellen wir uns auch selbst oft in Frage. Fazit: Die Diagnose einer \u201eTherapieresistenz\u201c wird zul\u00e4ssig nie in einer Einzelpraxis gestellt werden k\u00f6nnen; die Behandlung mit Cannabis-oder Cannabis-Bestandteilen kann \u2013 auch wenn es rechtens m\u00f6glich w\u00e4re- zul\u00e4ssig niemals in einer Einzelpraxis initialisiert werden.<\/p>\n<p>Cannabis oder Cannabis-Bestandteile sind bisher nur als Augmentationsstrategie bei Versagen von klassischen Verfahrensweisen im Sinne einer Stufentherapie bei verschiedenen ausgew\u00e4hlten Krankeitsbildern und nicht als First-Line-Produkte wissenschaftlich belegt, und dies kann sich auch erst nach Absolvierung der auch f\u00fcr alle anderen Heilmittel vorgeschriebenen Studien \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Vielen der in einer Einzelpraxis diagnostizierten \u201etherapieresistenten\u201c F\u00e4lle, welche angeblich nur mit Cannabisprodukten eine Linderung ihrer Beschwerden erreichen k\u00f6nnen, kann in einem multidisziplin\u00e4ren Kompetenzzentrum mit klassischen und anerkannten Methoden sowohl ambulant als auch station\u00e4r geholfen werden. In keinem dieser Kompetenzzentren aber w\u00fcrde der Einsatz von Cannabis oder Cannabisprodukten bei wirklich sonst therapieresistenten F\u00e4llen aus grunds\u00e4tzlichen, weltanschaulichen oder fachlichen Erw\u00e4gungen heraus abgelehnt,wenn es die wissenschaftliche Datenlage als verantwortbar belegen kann und die Luxemburger Gesetzgebung sollte folglich unter diesen Bedingungen einem wissenschaftlich fundierten Gebrauch von diesen Produkten keinen irrationalen Riegel vorschieben. Es geht vielfach ja nicht mehr um das \u201eob\u201c dieser Therapien, denn dieses ist nicht nur in der Spastik-Behandlung von Multipler Sklerose eindrucksvoll belegt. Es geht nur um das \u201ewie\u201c und in welchen Indikationen und unter welchen Bedingungen.<\/p>\n<p>Wir geben als \u00c4rzte aber auch nie vor, alle m\u00f6glichen Krankheiten \u201eheilen\u201c zu k\u00f6nnen. Das ist uns bei den allermeisten hier immer wieder vor kurzem in solcher Weise in Interviews angef\u00fchrten Krankheiten, bei denen ich mich auch pers\u00f6nlich fachlich angesprochen f\u00fchle, wie Depressionen, Aufmerksamkeits-und Hyperaktivit\u00e4tsst\u00f6rungen, Tumorkachexie und Tumor-Schmerz, Multiple Sklerose, Epilepsie und viele andere, leider nicht m\u00f6glich. Der gute Arzt kann viele schwere\u00a0 Krankheiten behandeln, Schmerzen und Symptome lindern und viele Kranke begleiten, \u201eheilen\u201c kann er davon nur die wenigsten. Wer behauptete, eine einzige Substanz oder Substanzklasse\u00a0 verm\u00f6ge alle diese Krankheiten nebenwirkungsfrei zu \u201eheilen\u201c, der w\u00fcrde sich fern von medizinischen und deontologischen \u201egood clinical standards\u201c weg bewegen im Sinne einer Ideologie, letzten Endes einer Form des Scharlatanismus.<\/p>\n<p>Und wiederum glauben nicht wenige Hoffnungsvolle und Medizin-Kritische eher den Aussenseitern und nicht den in der Mehrzahl gut ausgebildeten und in multidisziplin\u00e4ren Kompetenzzentren vernetzten \u00a0Allgemeinmedizinern und Spezialisten.<\/p>\n<p>Dr. Robert\u00a0 Thill-Heusbourg<\/p>\n<p>25.10.2010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<\/p>\n<p>\u201eWieso die \u00c4rztevereinigung AMMD den Arbeitskampf ausgerufen hat, versteht in der breiten \u00d6ffentlichkeit niemand. Die \u00c4rzte f\u00fcrchten sich scheinbar vor einer Verstaatlichung der Medizin. In Wahrheit geht es ihnen um die Verteidigung ihrer Pfr\u00fcnde \u2013 auch wenn sie das nie offen zugeben w\u00fcrden.\u201c, so Jo\u00eblle Merges in einem Kommentar im LW vom 23.10.2010.<\/p>\n<p> [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-361","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medizin","odd"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/361","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=361"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/361\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":365,"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/361\/revisions\/365"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=361"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=361"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=361"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}