{"id":13,"date":"2008-06-21T17:25:00","date_gmt":"2008-06-21T16:25:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/?p=13"},"modified":"2009-12-09T19:16:11","modified_gmt":"2009-12-09T18:16:11","slug":"die-angst-vor-dem-fremden-solidaritat-als-aufgabe-der-nation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/?p=13","title":{"rendered":"Die Angst vor dem Fremden-Solidarit\u00e4t als Aufgabe der Nation"},"content":{"rendered":"<p>Gedanken zwischen Nationalfeiertag und\u00a0 Nationalem Gedenktag<\/p>\n<p>(Ansprache im Caritas-Gottesdienst \u201eInt\u00e9gration\u201c, Dekanatskirche Diekirch, 21.6.2008)<\/p>\n<p>L\u00e9if Fr\u00ebnn,<\/p>\n<p>Der\u00a0 23. Psalm, den wir eben geh\u00f6rt haben, erinnert uns an die Grundhaltung, die Christen in diesem Zusammenhang auszeichnen sollte: Vertrauen in Gott und Freisein von Angst: \u201eIch f\u00fcrchte nichts B\u00f6ses\u201c heisst es im 4. Vers, \u201edenn Du bist bei mir\u201c.<\/p>\n<p>Das Gleichnis\u00a0 vom barmherzigen Samariter will uns klarmachen, was wir alle wissen und nicht minder auch allt\u00e4glich verdr\u00e4ngen: dass wir aus Angst oft den Anforderungen der Liebe in Wirklichkeit nicht gewachsen sind.<\/p>\n<p>Ein Fest feiern hei\u00dft, innezuhalten und einem Tag eine besondere Bedeutung zuzuweisen. Joseph Pieper schreibt: \u201e Ein Fest feiern hei\u00dft, die immer schon und alle Tage vollzogene Guthei\u00dfung der Welt aus besonderem Anlass auf unallt\u00e4gliche Weise begehen.\u201c<\/p>\n<p>Ein Dreischritt also.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zum Ersten (Die Guthei\u00dfung der Welt).<\/p>\n<p>Dass die Welt nicht einfach so gut ist, wie sie ist, wissen wir aus eigener Erfahrung. Aber wir hei\u00dfen sie gut. Das hei\u00dft, wir sagen Ja zu ihrer und unserer Existenz und geben ihr und uns Tag f\u00fcr Tag die M\u00f6glichkeit, dass Gutes daraus entstehe. Das hat schon etwas von einem Sakrament an sich. Ein Sakrament ist ein Zeichen, das bewirkt, was es bezeichnet. Dass wir die Welt gut hei\u00dfen, hei\u00dft auch nicht, dass alles bleiben solle, wie es ist.<\/p>\n<p>Und damit komm ich zum Zweiten (Der besondere Anlass).<\/p>\n<p>Einen Tag nach dem Weltfl\u00fcchtlingstag und am Vorabend unseres Nationalfeiertages feiern wir gemeinsam mit und in diesem Gottesdienst ein anderes Fest:\u00a0 Eucharistie als Danksagung und Auftrag, mit Fremden so umzugehen, dass sie bei uns eine neue Heimat finden und sich aufgehoben f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Im Jahr 2008 leben 483 800 Menschen in Luxemburg, davon sind 205 900 Ausl\u00e4nder (42 %), davon 28 800 nicht EU-B\u00fcrger (6 % der Gesamtbev\u00f6lkerung und 14 % der Ausl\u00e4nder) . Im Laufe der letzten Jahre ist die Zahl der Asyl-Antr\u00e4ge von 1577 im Jahr 2004 auf 426 im Jahr 2007 gesunken, wobei dieser R\u00fcckgang vor allem durch die verringerte Anzahl von Asyl-Bewerbern aus afrikanischen L\u00e4ndern zu erkl\u00e4ren ist (58 Antr\u00e4ge 2007 gegen\u00fcber 848 Antr\u00e4ge 2004). Die Mehrzahl der Asyl-Bewerber\u00a0 stammen derzeit\u00a0 aus Serbien bzw dem Kosovo.<\/p>\n<p>40 % unserer aktiven Bev\u00f6lkerung sind Grenzg\u00e4nger und leben im Ausland und \u00fcberschreiten unsere Grenze nur zum Arbeiten. F\u00fcr das Jahr 2030 wird die Gesamtbev\u00f6lkerung Luxemburgs auf\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 600 000, f\u00fcr 2050 auf 700 000 gesch\u00e4tzt, die Zahl der ausl\u00e4ndischen Mitb\u00fcrger erh\u00f6ht sich derzeit insgesamt um ca.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 5-6000 pro Jahr , sodass die in Luxemburg lebenden Luxemburger in nicht allzu ferner Zukunft die Minderheit an der Gesamtbev\u00f6lkerung darstellen werden.<\/p>\n<p>Heinrich B\u00f6ll hat sich gefragt, wie es zu erkl\u00e4ren sei, dass die grosse Zahl der Christen die Welt so wenig zu ver\u00e4ndern vermochten, dass nicht mehr Terror und Angst, sondern Vertrauen und Freundlichkeit herrschen. \u201eEine christliche Welt m\u00fcsste eine Welt ohne Angst sein, und unsere Welt ist nicht christlich, solange die Angst nicht geringer wird, sondern w\u00e4chst; nicht die Angst vor dem Tode, sondern vor dem Leben und den Menschen, vor den M\u00e4chten und Umst\u00e4nden, Angst vor dem Hunger und der Folter, Angst vor dem Krieg\u2026\u201c<\/p>\n<p>Der Begriff Angst hat sich seit dem 8. Jahrhundert von gemein-indogermanisch *anghu-, \u201ebeengend\u201c \u00fcber althochdeutsch angust entwickelt. Er ist urverwandt mit lateinisch angustia, \u201edie Enge\u201c und angor, \u201edas W\u00fcrgen\u201c. Angst bezeichnet einen negativen Gef\u00fchlzustand, welcher angesichts einer Gefahr mit Beklemmung, Bedr\u00fcckung, Erregung einhergeht, oft meint das Wort auch nur ein undeutliches Gef\u00fchl des Bedrohtseins.<\/p>\n<p>Der 1977 verstorbene deutsche Psychoanalytiker\u00a0 Fritz Riemann\u00a0 beschreibt vier Grundformen der Angst. Die Angst vor der Selbstwerdung, die Angst vor der Selbsthingabe, die Angst vor der Wandlung und zuletzt die Angst vor Dauer und Notwendigkeit.<\/p>\n<p>So vielf\u00e4ltig das Ph\u00e4nomen Angst bei verschiedenen Menschen ist \u2013es gibt praktisch nichts, wovor wir nicht Angst entwickeln k\u00f6nnen- geht es bei n\u00e4herem Hinsehen doch immer wieder um Varianten dieser \u201eGrundformen der Angst\u201c und alle \u00fcberhaupt m\u00f6glichen \u00c4ngste haben mit diesen zu tun.<\/p>\n<p>Angst geh\u00f6re unvermeidlich zu unserem Leben. In immer neuen Abwandlungen begleite sie uns von der Geburt bis zum Tode. Es bleibe wohl eine unserer Illusionen, zu glauben, ein Leben ohne Angst leben zu k\u00f6nnen; sie geh\u00f6re zu unserer Existenz und sei eine Spiegelung unserer Abh\u00e4ngigkeiten und des Wissens um unsere Sterblichkeit. Wir k\u00f6nnten nur versuchen, Gegenkr\u00e4fte gegen sie zu entwickeln: Mut ,Vertrauen, Erkenntnis, Macht, Hoffnung, Demut, Glaube und Liebe. Diese k\u00f6nnten uns helfen, Angst anzunehmen, uns mit ihr auseinanderzusetzen, sie immer wieder neu zu besiegen. Methoden, welcher Art auch immer, die uns Angstfreiheit versprechen, sollten wir mit Skepsis betrachten; sie w\u00fcrden der Wirklichkeit menschlichen Seins nicht gerecht und erweckten illusorische Erwartungen.<\/p>\n<p>Das Erlebnis Angst geh\u00f6re also zu unserem Dasein. So allgemeing\u00fcltig das sei, erlebe doch jeder Mensch seine pers\u00f6nlichen Abwandlungen der Angst, der \u201eAngst\u201c, die es so wenig gebe, wie \u201eden Tod\u201c oder \u201edie Liebe\u201c und andere Abstraktionen. Jeder Mensch habe seine pers\u00f6nliche , individuelle Form der Angst, die zu ihm und zu seinem Wesen geh\u00f6re, wie er seine Form der Liebe habe und seinen eigenen Tod sterben m\u00fcsse. Es gebe also Angst nur erlebt und gespiegelt von einem bestimmten Menschen und sie habe darum immer eine pers\u00f6nliche Pr\u00e4gung, bei aller Gemeinsamkeit des Erlebnisses Angst an sich.<\/p>\n<p>Wenn wir Angst einmal \u201eohne Angst\u201c betrachten, bekommen wir den Eindruck, dass sie einen Doppelaspekt hat: einerseits kann sie uns aktiv machen, andererseits kann sie uns l\u00e4hmen. Angst ist immer ein Signal und eine Warnung bei Gefahren, und sie enth\u00e4lt gleichzeitig einen Aufforderungscharakter, n\u00e4mlich den Impuls, sie zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Angst tritt immer dort auf, wo wir uns in einer Situation befinden, der wir nicht oder noch nicht gewachsen sind. Jede Entwicklung, jeder Reifungsschritt ist mit Angst verbunden, denn er f\u00fchrt uns in etwas Neues, bisher nicht Gekanntes und Gekonntes, in innere und \u00e4ussere Situationen, die wir noch nicht und in denen wir uns noch nicht erlebt haben.<\/p>\n<p>In der Bibel lesen wir, dass am Anfang und Ende von Jesu irdischem Leben die Botschaft des 23. Psalms als Aufforderung \u201eF\u00fcrchtet Euch nicht\u201c sowohl vom Engel der Verk\u00fcndigung als auch vom Engel des Ostermorgens am leeren Grab wiederholt wird.<\/p>\n<p>Theologisch gesprochen ist Angst das Gegenteil von Glaube. Nach der Bootsfahrt im Sturm fragt Jesus seine J\u00fcnger: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?<\/p>\n<p>Wenn wir an ein Gespr\u00e4ch zwischen verschiedenen Menschen und Herk\u00fcnften denken, dann stellt sich sofort eine Frage der Dominanz ein: Wer ist\u00a0 Sieger? Elias Canetti hat einmal gesagt: \u201cManches darf man nicht sein. Aber das einzige , was man nie sein darf, ist ein Sieger.\u201c Beim Gespr\u00e4ch zwischen den Menschen verschiedener Kulturen wird aber meist versucht, die eigene Dominanz zu wahren.<\/p>\n<p>Die Frage ist, wie wir auf dieses Gef\u00fchl, in der Defensive zu sein, reagieren und ob wir eine Balance schaffen zwischen der Neugier auf das Andere und der Bedrohtheitsempfindung. Die Vorstellung, dass ich dem anderen ausgeliefert bin, dass er mir meinen Lebensraum streitig macht, liegt nat\u00fcrlich ganz nahe. Was dagegen zu tun ist, hat mit Gespr\u00e4ch zu tun &#8211; aber mit einem Gespr\u00e4ch, das nicht von vornherein mit der Absicht aufgeladen ist, den anderen zu domestizieren. Das Gespr\u00e4ch, das mir vorschwebt, hat etwas mit Gastlichkeit zu tun.<\/p>\n<p>Sowohl der Gastgeber als auch der Gast entspringen demselben lateinischen Wort \u201ehospes\u201c. Hier ist die Ebenb\u00fcrtigkeit der beiden schon bezeugt. Es ist also nicht so, dass der Gastgeber nur gibt und der Gast nur der Nehmende ist. Wir sprechen in diesen Tagen viel und leider doch nicht genug von palliativer oder Hospiz-Kultur. Es ist dies eine \u201eLeitkultur\u201c, die sich zum Ziel setzt, dass alles gedacht und getan wird, dass gerade die Schw\u00e4chsten und Fremden in\u00a0 unserer Gesellschaft an der Gemeinschaft auch ohne besondere Einladung oder Fremdhilfe teilnehmen k\u00f6nnen. Wir wissen somit, dass diese Kultur keine Einbahn ist , auf der es auf der einen Seite Geber und auf der anderen Seite Nehmer gibt. Sie wechseln sich ab, es ist ein Austausch von Geben und Nehmen und jeder empf\u00e4ngt und jeder gibt weiter, dies setzt also auch die Bereitschaft voraus, sich in Demut beschenken zu lassen. Geben ist nicht immer seliger als nehmen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst ist es eine Vorbedingung, dass wir Verh\u00e4ltnisse schaffen, in denen wir uns begegnen k\u00f6nnen.\u00a0 K\u00f6nnen wir einander begegnen, indem wir Integration als das oberste Ziel anpreisen? Oder k\u00f6nnen wir einander besser begegnen, indem wir das US-amerikanische Prinzip von \u201eChina Town\u201c und \u201e Little Italy\u201c, das wir ja auch aus einigen St\u00e4dten unseres Landes kennen, walten lassen \u2013 also Kulturgemeinschaften, die ihren Sitz in der anderen Kultur behalten und die es erforderlich machen, dass ich eine Grenze \u00fcberschreite?\u00a0 Grenzerfahrungen zu machen bewahrt mich ja auch davor, dass ich allzu schnell die Fremdheit des Anderen unterschlage und so tue, als s\u00e4ssen wir alle in einem Boot.<\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren oft, und in letzter Zeit besonders hier in Diekirch, dass man die Kirche im Dorf lassen soll. Auch wenn der Spruch schon alt ist, wir sollten uns trotzdem nicht daran halten. Wir haben einen neuen Auftrag bekommen: Lasst die Kirche nicht im Dorf, tragt sie auch vor die Tore der Stadt. Jesus Christus ist draussen \u201evor den Toren der Stadt\u201c geboren und gestorben und somit ist hier auch unser Platz: nicht im Zentrum und immer wieder und immer \u00f6fter am Rand der Gesellschaft mit den Schwachen, Ausgestossenen und den Fremden.<\/p>\n<p>In seinem Vortrag in Luxemburg 2007 hat der ehemalige Generalabt des Dominikanerordens, Timothy Radcliffe, den Glauben als den Beginn einer Beziehung zu Gott bezeichnet. Glaube sei\u00a0 das Eintreten in eine Freundschaft zu Gott. Und er f\u00fchrte weiter aus, dass wir nicht dann Gottes Freunde sind, wenn wir Dinge \u00fcber ihn denken, sondern wenn wir die Dinge mit Gottes Augen sehen. Er zitierte zum Schluss dann Nicolas Lash aus Cambridge mit den Worten: \u201eWenn Glaube der Weg ist, wie wir in diesem Leben Gott kennen lernen k\u00f6nnen, dann bedeutet glauben lernen, alle Dinge so zu sehen, wie Gott sie sieht; unendliches Bem\u00fchen um Verst\u00e4ndnis, Interesse und F\u00fcrsorge verdienend.\u201c<\/p>\n<p>Wir leben in einem Zeitalter der Angst. Und viele Erscheinungen unseres \u00f6ffentlichen Lebens, bis in die Politik hinein, resultieren aus diesem Erlebnis der Angst. Eine so noch nie da gewesene<br \/>\nLebensangst sei zum \u201eunheimlichen Begleiter des heutigen Menschen\u201c geworden, sagt der Philosoph Karl Jaspers.<\/p>\n<p>Der katholische Religionssphilosoph Eugen Biser unterscheidet drei Grundformen der Angst: Angst vor mir selbst, Angst vor dem N\u00e4chsten, Angst vor Gott.<\/p>\n<p>Wichtig sei daher die Orientierung an der Mitte des Glaubens: Jesus Christus. F\u00fcr Biser ist Jesus der \u201egr\u00f6\u00dfte Revolution\u00e4r der Religionsgeschichte\u201c. Dessen Gro\u00dftat habe darin bestanden, dass er \u201eden Schatten des Angst- und Schreckenerregenden aus dem Gottesbild der Menschheit tilgte und das Antlitz des bedingungslos liebenden Vaters enth\u00fcllte\u201c und so den Menschen von der Angst befreit.<\/p>\n<p>Das\u00a0 Christentum sei von seinem Ursprung her die Religion der Angst\u00fcberwindung. Deshalb laute das erste bis in die Weihnachtsbotschaft zur\u00fcckstrahlende Wort des Auferstandenen: &#8220;F\u00fcrchtet euch nicht!&#8221; Was das heisse, erl\u00e4utere der Johanneische Satz: &#8220;Furcht ist nicht in der Liebe: vielmehr treibt die vollkommene Liebe die Furcht aus.&#8221;<\/p>\n<p>Wenn der Glaube auch nicht jede Form der sich zusehends vervielfachenden \u00c4ngste beseitige, so doch die drei \u201eWurzel\u00e4ngste\u201c: die Angst vor Gott, die Angst vor dem Mitmenschen und die Angst des Menschen vor sich selbst. Die Bef\u00fcrchtung, mit Gott den tragenden Halt des Daseins zu verlieren durch die Botschaft von dem bedingungslos liebenden Gott; die Angst vor dem Mitmenschen durch das Gebot der N\u00e4chstenliebe, und die Existenzangst durch die Berufung des Menschen zur Gotteskindschaft.<\/p>\n<p>Die Bibel kennt viele G\u00f6tter, die als \u00fcbernat\u00fcrliche Wesen auf Kosten der einfachen , kleinen Leute existieren. Und gegen diese steht in den biblischen Erz\u00e4hlungen und Psalmen der eigentliche Gott mit einem Namen, der die Solidarit\u00e4t mit Menschen ausdr\u00fcckt- Gnade, Treue, Liebe, Freundschaft.<\/p>\n<p>In der Bibel ist ein Gott zugegen, der Menschen zur Solidarit\u00e4t aufruft, zum Erbarmen. Die Macht der Solidarit\u00e4t und des Erbarmens, das ist die Macht Gottes. Gott ist in dieser Welt so m\u00e4chtig, wie Menschen solidarisch und barmherzig sind.<\/p>\n<p>Pfingsten hat uns wieder daran erinnert, dass wir empfangende und eucharistische \u2013Dank sagende- Menschen sind, dass wir jedem\u00a0 anderen Menschen Respekt schulden, denn Gott wohnt in ihm &#8211; der Mensch als Tabernakel- und dass es nicht wichtig ist, was wir tun oder haben. Wichtig allein ist, was wir alle sind: Kinder des einen Gottes.<\/p>\n<p>Martin Buber hat \u00fcbersetzt: Liebe Deinen N\u00e4chsten \u2013 er ist wie Du.Wir k\u00f6nnen uns unseren N\u00e4chsten nicht aussuchen.<\/p>\n<p>Vor 35 Jahren habe ich aus einer Zeitung den Satz herausgeschnitten: \u201eWenn man Dich Deines Glaubens wegen verhaften w\u00fcrde, f\u00e4nde man genug Beweise, um Dich zu verurteilen?\u201c<\/p>\n<p>Zum Dritten (Das Unallt\u00e4gliche).<\/p>\n<p>Unser Christentum beweist sich zuerst in gerechten Taten. Jesus gibt daf\u00fcr im Weltgericht sehr konkrete Beispiele: die Hungrigen speisen, die Nackten bekleiden, Kranke und Gefangene besuchen, Traurige tr\u00f6sten, Fremde aufnehmen, und all die damit verbundenen Schwierigkeiten bis hin zum Ertragen von Verfolgung. Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn uns die anderen an solchen Taten als Christen erkennen k\u00f6nnten. Umgekehrt ist es abschreckend, wenn wir Gott und seiner Haupteigenschaft, der Gerechtigkeit, nicht entsprechen.<\/p>\n<p>Charakteristisch f\u00fcr Jesus ist die Feindesliebe. Anders hat es der j\u00fcdische Theologe Pinchas Lapide gesagt: er sprach mit h\u00f6chster Achtung von der \u201eEntfeindungsliebe\u201c Jesu. Wir k\u00f6nnen auch anstelle der N\u00e4chstenliebe von der Fremden-Liebe reden und wir meinen dann damit eine \u201eEntfremdungsliebe\u201c, in der wir aus dem Fremden einen N\u00e4chsten machen.\u00a0 So wird die aktive, die erfinderische Seite, die f\u00fcr den Friedensprozess notwendig ist, besser deutlich. Eine Vorleistung, eine \u00dcberraschung, ein Entgegenkommen l\u00e4sst manche Feindschaft und manches Fremdsein in sich zusammensinken.<\/p>\n<p>Kardinal Martini erz\u00e4hlt in seinem letzten Buch, dass im pal\u00e4stinensischen Gaza, das heute von Leiden und Konflikten gequ\u00e4lt ist, im sechsten Jahrhundert Dorotheus von Gaza lebte. Von ihm stamme ein bekanntes Bild der Gl\u00e4ubigen: \u201eStellt Euch die Welt als einen Kreis vor, dessen Mitte Gott ist und dessen Strahlen die verschiedenen Lebensweisen der Menschen sind. Wenn alle, die Gott nahe kommen wollen, zur Mitte des Kreises gehen, n\u00e4hern sie sich gleichzeitig einander und Gott. Je mehr sie sich Gott n\u00e4hern, desto mehr n\u00e4hern sie sich einander. Und je mehr sie sich einander n\u00e4hern, desto mehr n\u00e4hern sie sich Gott.\u201c<\/p>\n<p>Kardinal Martini beschreibt auch , wie er in Mailand\u00a0 die Cattedra, den \u201eLehrstuhl der Ungl\u00e4ubigen\u201c , eingerichtet hatte, um von ihnen zu h\u00f6ren, was sie zur Rettung der Welt beitragen und den Menschen zu sagen haben. \u201eIch m\u00f6chte denkende Menschen. Das ist das Wichtigste. Dann komm erst die Frage, ob sie Gl\u00e4ubige sind oder Nichtgl\u00e4ubige. Wer nachdenkt, wird weitergef\u00fchrt. Darauf vertraue ich. \u201e<\/p>\n<p>Diese verschiedenen \u201eFamilien\u201c seien dazu da, damit m\u00f6glichst vielen Menschen geholfen werde und damit sie bei Gott Heimat finden. Religionsgemeinschaften dienten dazu, die Menschen aufzubauen und zu st\u00e4rken, sie den Weg zu Gott zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Jesus sei ein Meister der Freundschaft und das bezeichne seine Liebe. Charakteristisch f\u00fcr die Liebe Jesu sei\u00a0 sicher auch die N\u00e4he zu den Armen. Jesus habe sehr einfach gelebt, um allen nahe zu sein. Er habe auch die Heimatlosigkeit gew\u00e4hlt, um f\u00fcr alle Menschen da zu sein und keine Mauern um sich zu bauen. Jesus sei den Fremden entgegengegangen. Und das Wichtigste: Er habe\u00a0 seine Liebe weitergeben k\u00f6nnen. Seine Liebe sei offensivgewesen. Er habe sich nicht einfach zu Hause wohlgef\u00fchlt, sondern sei von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt gezogen. Er sei dorthin gegangen, wo die Konflikte waren, wo er seine Liebe anwenden musste, damit es zum Frieden zwischen Heiden und Juden, zwischen R\u00f6mern und Israel kommen konnte. Er habe sich in Konflikte hineingewagt und gezeigt, dass Gottes Liebe die Welt, diese Konflikte ver\u00e4ndern muss.<\/p>\n<p>Die ganze Bibel thematisiert, dass Gott einer ist, der die Fremden liebt, der den Schwachen aufhilft, der will, dass wir auf unterschiedlichen Wegen allen Menschen helfen und dienen.<br \/>\nKardinal Martini beschreibt den Christen als einen, der\u00a0 sich nicht in modernen Str\u00f6mungen und in dem, was gerade modern ist oder was alle wollen, verliert. Er mischt sich ein. Er tut etwas. Er sagt seine Meinung. \u201eIhr seid Richter der Welt\u201c, das sage Jesus zu seinen J\u00fcngern und zu uns. Er setze uns also in eine starke Machtposition: Wir sollen der Welt helfen, eine Richtung zu finden, nichts anderes meine Richter zu sein.<\/p>\n<p>Die Welt von heute w\u00e4chst unaufhaltsam zusammen. Europa eint sich, ohne sich der \u00fcbrigen Welt zu verschlie\u00dfen. Eine solche zusammenwachsende Welt braucht &#8220;Weltb\u00fcrger&#8221;. Solche haben Gottes eine Welt im Blick.<\/p>\n<p>Nach Paul Zulehner kann die gl\u00e4ubige Grundregel\u00a0 nur lauten: Weil nur ein Gott ist, ist jeder einer von uns &#8211; der Buddhist ebenso wie der Moslem, der Atheist ebenso wie der evangelische oder orthodoxe Christ oder der Jude. &#8211; Nur ein derart weit ge\u00f6ffnetes Christentum, das die Vielfalt der Sprachen und Kulturen versteht, das Gottes Heilsspuren in allen Religionen und bei allen Menschen aufzusp\u00fcren vermag und selbstlos f\u00f6rdert, sei getragen von der Vision Jesu und dem Kommen seines endzeitlichen Reiches in die eine Weltgeschichte.<br \/>\nWie k\u00fcmmerlich nehmen sich im Licht einer solchen Vision jene aus, deren Welt an den Grenzen von Huldang und R\u00e9mel\u00e9ng, P\u00e4rel und Rouspert endet, die keinen Dialog zusammenbringen, weder mit den christlichen Schwesterkirchen, noch mit den gro\u00dfen Religionen der Welt und schon gar nicht mit einem lehrreichen und intelligenten Atheismus. In solcher Enge bl\u00fcht die Angst.<br \/>\nAngst und Mutlosigkeit sind ein Symptom der Geistausl\u00f6schung. Gottes Geist aber macht wagemutig und kampfstark. Kontemplation und Kampf verwachsen, so der gro\u00dfe Roger Schutz von Taiz\u00e9. Geistvolle k\u00e4mpfen um eine gerechtere Welt und lassen sich nicht dadurch von ihrem Einsatz abbringen, dass sich nachhaltige Erfolge nur langsam einstellen. Paul Zulehner hat in diesem Zusammenhang zum 20 Jahr-Jubil\u00e4um der Weizer Pfingstvision 2008 seine Predigt mit den Worten beendet: \u201c&#8221;Empfanget den Heiligen Geist&#8221;: Welch ein gef\u00e4hrliches Geschenk des Auferstandenen f\u00fcr eine geistlose Welt und eine geistarme Kirche!\u201c<\/p>\n<p>Eine Umfrage bei den Lesern der \u201eL\u00ebtzebuerger Revue\u201c hat im Juni\u00a0 mit grosser Mehrheit Schwester Dani\u00e8le Faltz, die Direktorin des Fieldgen, zur Frau des Jahres gew\u00e4hlt und in einem Editorial wird diese Wahl mit dem Satz kommentiert : \u201eDass unsere Gewinnerin eine Ordensfrau ist, beweist einen gewissen Konservatismus unserer Gesellschaft, die sich an sicheren, herk\u00f6mmlichen Werten festh\u00e4lt, bevor sie Neues experimentiert.\u201c<\/p>\n<p>Ist Schwester Dani\u00e8le Faltz wirklich\u00a0 daf\u00fcr gew\u00e4hlt worden, weil sie f\u00fcr konservative Werte und Tradition steht und weil die Luxemburger konservativ sind und f\u00fcr Traditionen einstehen oder nicht vielmehr, weil noch immer und immer mehr Menschen \u2013auch unter den Revue-Lesern- der Meinung sind, dass Religionen wichtig sind, um Werte zu vermitteln und dass diese in unserer Gesellschaft in Gefahr sind?<\/p>\n<p>Steht diese Frau nicht auch f\u00fcr einen anderen Umgang mit Freiheit und mit Angst? Steht sie nicht auch f\u00fcr die \u00dcberzeugung, dass Tradition die Weitergabe des Feuers ist und nicht die Anbetung der Asche?<\/p>\n<p>Ist unser Nationalfeiertag das\u00a0 Fest der Luxemburger oder das Fest der in Luxemburg lebenden Menschen?\u00a0 Es hat sich heute ein breiter Konsens gebildet, um zu sagen, dass es der Festtag des Landes und aller hier lebenden Menschen ist. Die Zusammensetzung der Fest-Umz\u00fcge am Vorabend des Nationalfeiertags spiegelt diese Auffassung immer mehr wider, nur in unseren Kirchen schaut es am Nationalfeiertag selbst\u00a0 oft noch so aus, als w\u00e4re es nur ein Fest der Luxemburger und ihrer Institutionen und\u00a0 Verwaltungen. Hier sitzt das offizielle Luxemburg, die Eingeladenen, die M\u00e4chtigen, die Reichen und die Satten, und im Nationalen Te Deum in der Kathedrale in Luxemburg-Stadt werden unsere ausl\u00e4ndischen Mitb\u00fcrger nur \u00fcber ihre Botschafter vertreten. In all diesen Gottesdiensten werden gr\u00f6sstenteils\u00a0 nur die Vertreter des offiziellen und privilegierten Luxemburg erfasst und diese sitzen auf den reservierten und besten Pl\u00e4tzen. M\u00fcsste die Kirche in Luxemburg nicht auch hier langsam umdenken, wenn es somit zu oft den Anschein hat, als k\u00f6nnten diese \u201eGottesdienste\u201c nicht einmal die Vision des Magnificat glaubw\u00fcrdig vermitteln:\u201c Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;\u00a0 er st\u00fcrzt die M\u00e4chtigen vom Thron und erh\u00f6ht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und l\u00e4sst die Reichen leer ausgehen.\u201c<\/p>\n<p>Chers amis,<\/p>\n<p>La foi est le contraire de la peur et de l\u2019 anxi\u00e9t\u00e9 et la Bible nous rappelle qu\u2019au d\u00e9but de la vie de J\u00e9sus c\u2019\u00e9tait l\u2019ange de l\u2019annonciation qui rassura les bergers avec les mots \u00ab\u00a0N&#8217;ayez pas peur\u00a0\u00bb et \u00e0 la fin de la vie terrestre de J\u00e9sus c\u2019 \u00e9tait de nouveau un ange qui rassura les femmes au tombeau vide le matin de P\u00e2ques avec les mots\u00a0:\u00a0\u00bbVous autres, n&#8217;ayez pas peur.\u00bb<\/p>\n<p>La peur de l\u2019autre, la peur de celui qu\u2019 on ne conna\u00eet pas est \u00e0 l\u2019 origine d\u2019une multitude de d\u00e9tresses et de solitudes individuelles dans notre soci\u00e9t\u00e9 si riche en biens mat\u00e9riels.<\/p>\n<p>Le message central du christianisme\u00a0 c\u2019est l\u2019amour du prochain et de l\u2019\u00e9tranger. Dieu ne peut qu\u2019aimer. Nous devons choisir d\u2019aimer, comme l\u2019a dit Roger Schutz de Taiz\u00e9.<\/p>\n<p>A la fin de ces pens\u00e9es j\u2019aimerais vous r\u00e9citer un court po\u00e8me de Maurice Bellet, th\u00e9ologien et romancier.<\/p>\n<p>\u00ab\u00a0S\u2019il fallait donner une figure sociale \u00e0 l\u2019\u00e9coute,<br \/>\nla meilleure serait sans doute du c\u00f4t\u00e9 de<br \/>\ncette pratique antique, perdue,<br \/>\nvoire impossible en notre monde\u00a0:<br \/>\nl\u2019hospitalit\u00e9.<\/p>\n<p>Ecouter c\u2019est se faire l\u2019h\u00f4te de celui qui vient.<br \/>\nL\u2019h\u00f4te ne demande rien \u00e0 celui qu\u2019il re\u00e7oit,<br \/>\nil n\u2019a pas souci de l\u2019enseigner, de le conduire,<br \/>\nde lui faire avouer la v\u00e9rit\u00e9.<br \/>\nIl parle ou se tait<br \/>\nselon ce qui lui para\u00eet le gr\u00e9 de l\u2019autre.<br \/>\nL\u2019hospitalit\u00e9 est discr\u00e8te.<br \/>\nElle se borne \u00e0 donner au voyageur<br \/>\nde quoi subsister en la halte n\u00e9cessaire.<\/p>\n<p>L\u2019\u00e9coute est hospitalit\u00e9 int\u00e9rieure.\u00a0\u00bb<\/p>\n<p>Dr. Robert Thill-Heusbourg<br \/>\nNeurologe und Psychotherapeut<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gedanken zwischen Nationalfeiertag und Nationalem Gedenktag<\/p>\n<p>(Ansprache im Caritas-Gottesdienst \u201eInt\u00e9gration\u201c, Dekanatskirche Diekirch, 21.6.2008)<\/p>\n<p>L\u00e9if Fr\u00ebnn,<\/p>\n<p>Der 23. Psalm, den wir eben geh\u00f6rt haben, erinnert uns an die Grundhaltung, die Christen in diesem Zusammenhang auszeichnen sollte: Vertrauen in Gott und Freisein von Angst: \u201eIch f\u00fcrchte nichts B\u00f6ses\u201c heisst es im 4. Vers, \u201edenn Du bist bei [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-13","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gedanken-zur-nation","odd"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":176,"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13\/revisions\/176"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thill-heusbourg.lu\/test\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}